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Mercurius solubilis PDF Print E-mail

Essenzen homöopathischer arzneimittelThe following is a full copy of Mercury contained in Essenzen Homöopathischer Arzneimittel.

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MERCURIUS SOLUBILIS

Mercur ist eines der besten Beispiele dafür, wie die Idee eines Mittels Klarheit in einen schier unübersehbaren Wust von Einzelheiten bringen kann. Es ist eines der bestgeprüften Mittel der Materia Medica und besitzt ein weites Wirkungsspektrum; Der Anfänger wird mit einer fürchterlichen Anzahl von Symptomen konfrontiert. Das Arzneimittelbild liest sich wie ein medizinisches Lehrbuch. Es erfordert langes und wiederholtes Studieren und Meditieren über das Arzneimittel , um schließlich den roten Faden zu finden, der sich durch das ganze Bild zieht. Hat man die dem Mittel zugrundeliegende Idee einmal verstanden, dann passen alle "Einzelheiten" zusammen und ergeben wie bei einem Puzzle ein einzigartiges, unverwechselbares Bild.

Bei Mercurius gibt es kein einzelnes Wort oder einen Ausdruck, mit dem sich dieser rote Faden zutreffend beschreiben ließe. Die Grundidee ist folgende: Mangel an Reaktionskraft in Verbindung mit instabiler oder unzureichender Funktionsfähigkeit (instability and inefficiency of function). Der gesunde Organismus besitzt ein Abwehrsystem, das ihn gegenüber körperlichen und emotionalen Umwelteinflüssen wirkungsvoll im stabilen Gleichgewicht hält. Bei Mercurius ist diese Reaktionskraft geschwächt, so daß der Organismus in seinen Funktionen schwankt und an Stabilität verliert. Der Patient nimmt alle Reize auf, ohne ihnen eine angemessene Abwehr entgegensetzen zu können und wird krank.

Die mangelnde Abwehrkraft führt beim Mercurius-Patienten zu einer allgemeinen Empfindlichkeit. Wenn wir die Materia Medica durchgehen,sehen wir, daß der Mercurius-Patient fast durch alles verschlimmert wird - durch Hitze, Kälte, frische Luft, nasses Wetter, Wetterwechsel, Bettwärme, Schweiße, Anstrengung, verschiedene Speisen etc.. Im Gegensatz dazu finden wir nur wenige Modalitäten, die bessern. Der Patient kann nur wenig vertragen, ohne in seinem Wohlbefinden gestört zu sein, denn das ganze System ist einfach nicht fähig, sich anzupassen. Zur Veranschaulichung (nicht weil ich dies als allgemeine Lernmethode empfehlen möchte) kann man einmal im Repertorium die Modalitäten durchgehen und nach Rubriken suchen, in denen Mercurius zwei- oder dreiwertig steht, sei es unter "schlimmer durch" oder "besser durch". Mercurius findet sich in nur 7 Rubriken, die eine Besserung angeben (wobei 5 Rubriken etwas mit Hinlegen zu tun haben), während es in 55 Rubriken mit Verschlimmerung verzeichnet ist. Aufgrund dieser extremen Empfindlichkeit weist der Mercurius-Patient nur eine sehr geringe Toleranzbreite gegenüber allen störenden Einflüssen auf. Z.B. fühlt er sich nur in einem ganz eng begrenzten Temperaturbereich wohl. Sobald es ein bißchen kälter oder wärmer wird, behagt es ihm schon nicht mehr.

Die Unverträglichkeit von Hitze und Kälte offenbart die Instabilität, die die Schwäche dieses Mittels charakterisiert. Kent bezeichnet den Patienten als ein "lebendes Thermometer". Einmal macht ihm die Kälte zu schaffen, und er sucht nach Wärme, aber sobald er warm geworden ist, verschlimmert auch die Wärme. Das trifft nicht nur im Fieber zu, sondern auch für den chronischen Fall. Schwäche und In-stabilität drücken sich auch emotional aus: Weinen wechselt ab mit Lachen. Bei Ignatia manifestiert sich der hysterische Zustand durch dieses Symptom, bedingt durch unkontrollierte Emotionen; das Mercurius-Lachen/ -Weinen entspricht eher einer mechanischen Instabilität. Der Patient weint, dann spürt er eine Stimmung aufkommen, die ihn ins Gegenteil, ins Lachen umschlagen läßt. Rein mechanisch gesehen sind sich Weinen und Lachen sehr ähnlich,und die Instabilität läßt den Mercurius-Patienten leicht von einem zum anderen Zustand schwanken.

Die Instabilität, die Funktionsunfähigkeit läßt sich leicht vom physikalischen Aspekt des Quecksilbers her begreifen. Wenn Sie ein Quecksilberthermometer zerbrechen, entdecken Sie, daß Mercur irgendwo zwischen fest und flüssig existiert.

Es fließt wie eine Flüssigkeit und dennoch behält es seine Form in gewisser Weise wie ein fester Körper. Die Kügelchen können Sie nicht mit den Fingern aufheben, sie entschlüpfen Ihnen. Quecksilber läßt sich nicht wie ein Feststoff anfassen, aber es klebt auch nicht auf der Haut wie eine Flüssigkeit. Genauso wie Mercurius als physikalischer Körper seine Funktion ändert, so ist auch die Krankheit durch Instabilität und Ineffektivität gekennzeichnet.

Die Schwäche von Mercurius entspricht nicht der anderer Mittel. Arsenicum ist erschöpft und schwach, unterscheidet sich jedoch deutlich von der Instabilität bei Mercurius. Beide haben natürlich viele gemeinsame Krankheitssymptome, aber die Kälteempfindlichkeit des Arsenpatienten wird durch Wärme gebessert. Auf der geistigen Ebene zeigt Arsenicum natürlich eine größere Reaktionsfähigkeit - Angst, ruhelose geistige Aktivität, eine gewisse Schlauheit (shrewdness). Stannum, Helo-nias und Baptisia sind andere Arzneimittel mit einer schweren Reaktionsschwäche, aber ohne die Instabilität und Ineffektivität von Mercurius.

Die Reaktionsschwäche tritt bei Mercurius nicht etwa plötzlich auf. Es handelt sich um einen allmählichen Prozeß, den der Patient und deshalb auch der Homöopath am Anfang nur schwer erkennt. Er beginnt so schleichend, daß der Patient kaum seine gesteigerte Empfindlichkeit gegenüber äußeren Reizen wahrnimmt. Er konsultiert einen Homöopathen wegen einer bestimmten Beschwerde und hat die riesige Menge seiner übrigen Symptome vergessen, da er sie nicht mehr als ungewöhnlich betrachtet. Er hat es gelernt, sich innerhalb einer geringen Toleranzbreite zu bewegen und berichtet nur von den akuten Symptomen, die ihn zu diesem Besuch veranlaßt haben. In frühen Stadien muß man geduldig, geschickt und überlegt fragen, um homöopathische Symptome zu eruieren. Der Patient betrachtet seine Symptome als normal und ist sich Abweichungen von der Norm gar nicht bewußt.

Das Zentrum des menschlichen Seins ist der Geist, deshalb betrachten wir die Entwicklungsstadien der Krankheit auf der geistigen Ebene etwas genauer. Als erstes macht sich die geistige Verlangsamung bemerkbar. Der Patient antwortet langsam ( wie Phosphor, Acidum phosphoricum und andere Mittel ). Er begreift nur langsam, was geschieht, und wonach man ihn fragt. Anfangs ist es weder geistige Verwirrung noch ein schlechtes Gedächtnis, sondern wirklich Langsamkeit. Aus einer Art von Dummheit versteht er nicht. Calcium carb. ist natürlich auch geistig träge, aber Calcium ist dabei intelligent; hat Calcium einmal verstanden, worum es geht, kann er die Idee auch verwirklichen. Mercurius ist sowohl geistig langsam als auch schwer von Begriff.

Die Mercurius-Mentalität ist durch eine Art Funktionsschwäche gekennzeichnet. Mercurius gehört zu den eiligen und ruhelosen Mitteln, aber der Patient schafft nichts in seiner Eile. Für eine Aufgabe, die normalerweise eine halbe Stunde dauert, benötigt der Mercurius-Patient eineinhalb Stunden. Mittel wie Tarantula, Acidum sulfuricum, Nux vomica, Natrium muriaticum können auch von krankhafter Eile geprägt sein, aber sie bleiben dennoch effektiv und leistungsfähig.

Das zweite Stadium ist durch die Impulsivität gekennzeichnet. Der Mercurius-Patient ist aufgrund seiner großen Empfindlichkeit gegen äußere und innere Einflüsse nicht fähig, sich zu konzentrieren. Ein gesunder Mensch kann seine Aufmerksamkeit einem Thema oder einer Aufgabe widmen, ohne sich von den vielen Gedanken und Ideen, die auf ihn einströmen, ablenken zu lassen. Mercurius fehlt die Kraft, sich so scharf zu konzentrieren. Jeder zufällige nebensächliche Gedanke veranlaßt den Patienten, darauf zu reagieren. Schuld daran ist die geistige Funktions-schwäche, die mit fortschreitender Krankheit weiter zunimmt. Schließlich wird der Mercurius-Patient empfänglich für jegliche Art von Impulsen, wie z.B. zu schlagen, Gegenstände zu zertrümmern, jemanden wegen einer unbedeutenden Kränkung zu töten oder sogar einen geliebten Menschen umzubringen (nur Mercurius, Nux vomica und Platin sind im Repertorium für diesen Impuls bekannt).

Bei der Anamnese erzählt der Patient jedoch nicht offen von diesen Impulsen. Er verspürt sie zwar, hat sie aber unter Kontrolle. Dabei ist er verschlossen, antwortet nur langsam und offenbart nicht gerne seine Gefühle. Er kennt sich genug, um zu begreifen, wie verwundbar er durch äußere Einflüsse und Impulse ist. Wegen der Schwierigkeiten, die ihm daraus erwachsen könnten, versteckt er die Empfindlichkeit in seinem Innern und läßt nichts an die Öffentlichkeit dringen. Diese Strategie steht auf wackligen Beinen; der Mensch ist noch genauso empfindlich und verletzlich und muß erhebliche Energie aufwenden, um sich selbst unter Kontrolle zu halten.

Schreitet die Krankheit ins dritte Stadium fort, so münden die geistige Funktions-schwäche, die Verständnisschwierigkeiten, die Impulsivität und die Empfindlichkeit in einen paranoiden Zustand. Der Patient fühlt sich so verletzlich, daß er jeden für seinen Gegner hält. Der schwächliche Kontrollmechanismus konnte sich nicht durchsetzen, so daß der Patient jeden als seinen Feind ansieht, gegen den er sich verteidigen muß.

Zu diesem Zeitpunkt ist der Patient nicht wirklich verrückt, aber er fühlt viel-leicht, daß er es werden könnte. Die Furcht vor Geisteskrankheit befällt ihn vor allem nachts.

Im Endstadium der geistigen Störung kommt es nicht zur regelrechten Geisteskrank-heit, wie wir sie bei anderen Arzneimitteln kennen. Bei Mercurius ist der Mangel an Reaktionskraft so groß, daß er nicht einmal richtig verrückt werden kann. Stattdessen wird er schwachsinnig, als ob das Gehirn erweiche und zu keiner Reaktion mehr fähig sei. Alle Reize werden aufgenommen, aber nicht mehr verstanden. Die Stadien der Krankheitsentwicklung bei Mercurius, sowohl auf der geistigen als auch auf der körperlichen Ebene, bieten ein klassisches Beispiel für das Fortschreiten von Krankheiten überhaupt - einen Prozeß, den wir durch die Homöopathie erst richtig verstehen können. Obwohl Mercurius alle Organsysteme betreffen kann, können wir doch meistens bestimmte Zielorgane ausmachen: erstens Haut und Schleimhäute, als nächstes das Rückenmark und schließlich das Gehirn. Der langsame schleichende Verlauf der Krankheit durch diese Organreihe läßt uns daran danken, daß Mercurius eine ganz bestimmte Affinität zu ektodermalen Strukturen hat. Beim Embryo werden drei Keimblätter unterschieden: Ektoderm, Mesoderm und Endoderm. Im reifen Orqanismus hat jedes dieser Keimblätter seine eiqenen Funktionen. Zu den ektodermalen Strukturengehören: Haut, Schleimhäute in der Nähe der Körperöffnungen, Augen und das Nervensystem. Mercurius hat besondere Beziehung zu diesen Geweben.

Die Abwehrschwäche zieht sich bei Mercurius deutlich durch alle körperlichen Symptome. Wie bereits erwähnt, gehört Mercurius zu den Mitteln mit der geringsten Toleranzbreite gegenüber Hitze und Kälte. Durch die Schwäche des Abwehrmechanis-musses herrscht eine große Instabilität im System. Dies wird anhand von einigen typischen Mercurius-Symptomen deutlich. Mercurius ist bekannt für seine Neigung zu Schweißen, die nicht erleichtern. Schwitzen ist eine normale Funktion, die den Körper bei Überhitzung abkühlen soll und der Ausscheidung von Stoffwechselschlacken dient. Wegen der Überempfindlichkeit führt bei Mercurius schon der geringste Anlaß zu Schweißausbrüchen - also eine überschießende Reaktion auf einen kleinen Reiz. Einen Menschen mit so geringer Toleranzbreite verschlimmert dann sogar der Schweiß selbst.

Der Mangel an Abwehrkraft bringt ein weiteres Charakteristikum hervor: Verschlech-terung durch unterdrückte Absonderungen, wie z.B. bei Otorrhoe oder bei sonstigen Eiterungen. Bei Mercurius lassen sich die Absonderungen sehr leicht durch schul-medizinische Behandlung unterdrücken. Ein gesunder Abwehrmechanismus hätteletztendlich die Kraft, die Ausscheidung in der gleichen oder einer anderen Form wieder in Gang zu bringen. Das Mercurius-System hingegen nimmt den krankmachenden Einfluß nur in sich auf, wodurch die Krankheit auf eine tiefere Ebene fortschreiten kann.

Es besteht eine Neigung zu chronischen Eiterungen aller Art, Eiterungen, die jahrelang anhalten können. Die Abwehrkraft ist einfach zu "schwach", die Infektion zu besiegen. So kommt es zu einem "Patt" (stalemate), bis ein Allopath eingreift, die Entzündung unterdrückt und die Krankheit auf eine tiefere Ebene verschiebt.

Mercurius ist bekannt für Ulcerationen, besonders der Haut und der Schleimhäute (Aphten). Bei diesen phagedänischen Ulcera fehlen dem Körper die Heilungskräfte, die Geschwüre können sich über immer größere Gebiete ausbreiten.

Tritt bei Mercurius eine Eiterung oder Ulceration auf, reicht die Selbstheilungs-kraft nicht aus,und es kommt zu einem fortschreitenden, fäulnisartigen Gewebszerfall. Am deutlichsten wird das bei Zahnfleischerkrankungen: Das Zahnfleisch schwindet, die Zähne lockern sich, es bilden sich Eitertaschen und widerlicher Mundgeruch. Ekelhafter Geruch ist typisch für Mercurius; er ist das Ergebnis des Gewebezerfalls, der in einem System mit so wenig Abwehrkraft unvermeidlich ist.

Jegliche Belastung führt wegen der Überempfindlichkeit zu Schweißen; ähnlich kann man sich den excessiven Speichelfluß erklären. Der Magen gerät durch alles Mögliche durcheinander und fast jede Magenstörung führt zu übermäßigem Speichelfluß. Der Speichelfluß kann Tag und Nacht auftreten, aber am stärksten ist er in der Nacht - der typischen Verschlimmerungszeit von Mercurius. Da der Patient über so wenig Reaktionskraft verfügt, schwächen ihn die vielen Einflüsse während des Tages, bis die Schwäche schließlich während der Nacht am deutlichsten wird. Die Knochenschmerzen, Entzündungen, Nervenbeschwerden, Furcht vor Geisteskrankheit und Speichelfluß, alles wird nachts schlimmer.

Die Krankheit schreitet von Haut und Schleimhaut in Richtung ZNS und Gehirn fort. Als Zwischenstation ergreift sie das periphere Nervensystem und das Rückenmark; sie verursacht einen Tremor, der besonders die Hände befällt. Er wird oft als arteriosklerotischer oder Parkinson'scher Tremor diagnostiziert, während der tiefere Grund bei einem Mercurfall in der Abwehrschwäche und der funktionellen Instabilität liegt. Der Patient merkt, daß er ein Glas Wasser nur halten kann, wenn er die Ellenbogen oder Unterarme aufstützt. Der Tremor ist ein Symbol für die Idee von Mercurius. Der Mangel an Reaktionskraft - die Schwäche angesichts aller Reize, die so leicht in das System vordringen können - führt schließlich zu einer Instabilität der normalen Funktionen. Genau wie die Temperaturkontrolle zwischen geringen Hitze- und Kälteextremen hin und herschwingt und laufend versucht auszugleichen, so schwingt auch die Hand hin und her in ihrem erfolglosen Versuch, ihre normale Funktion auszuführen - daher der Tremor.

Hat man einmal die Idee des Mercurius-Bildes verstanden, kann man die Arzneimittel-lehren noch einmal lesen und wird entdecken, daß nun der Symptomenwust in ein einziges ,in sich zusammenhängendes Bild paßt.