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Fallanalyse und erste Verordnung PDF Print E-mail

Fallanalyse und erste Verordnung

Index
1. Fallanalyse und erste Verordnung
2. Fallanalyse für Fortgeschrittene & für Anfänger
3. Die Wahl der Potenz & Das Einzelmittel

 

The following is a full and exact copy of Kapitel 14: "Fallanalyse und erste Verordnung " from Die wissenschaftliche Homöopathie.

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Fallanalyse und erste Verordnung

Die prognostische Beurteilung des Falles

Der Leser weiß nun, wie ein Fall aufgenommen wird, nach welchen all-gemeinen Prinzipien man Symptome bewertet und wie man sie hinsichtlich ihrer homöopathischen Bedeutung einstuft (Gewichtung). Er hat ferner einen allgemeinen Überblick über das Kentsche Repertorium erhalten und gelernt, wie man ein bestimmtes Symptom darin findet. Damit sind die Voraussetzungen geschaffen, genauer zu untersuchen, wie man einen Fall analysiert und die Wahl des ersten Mittels trifft.

Im Verlauf dieses Buches mag hier und da der Eindruck entstehen, als brauche man, um einen Fall zu analysieren und ein Mittel zu wählen, ein-fach nur automatisch den Regeln zu folgen wie beim Lösen einer Rechen-aufgabe. Dieser Anschein wird erweckt, weil es hier aus praktischen Gründen nötig ist, einen sehr komplexen Prozeß zwecks sprachlicher Klarheit und Verständlichkeit zu vereinfachen. Die Gesetze und Prinzipien, nach denen ein Mittel gewählt wird — sie wurden im ersten Teil beschrieben — sind an sich eindeutig und überprüfbar. Sie im konkreten Fall anzuwenden ist jedoch kompliziert: Es ist ein Prozeß von Überlegungen und Entscheidungen, die gleichzeitig naturwissenschaftliche Objektivität und intuitives Einfühlungsvermögen erfordern. Der Leser sollte nicht denken, diese Aufgabe ließe sich durch geistlose, computerhafte Automatik bewerkstelligen. Ebensowenig aber sollte er glauben, fortgeschrittene Homöopathen träfen ihre Mittelwahl nur rein intuitiv oder gar auf magische Art und Weise. Es gibt einen definitiven Rahmen — einerseits feste Gesetze und Prinzipien, andererseits aber (bei der Anwendung) eine quasi künstlerische Komponente. Der Homöopath vereint eine Vielzahl von Patientenaussagen mit seinen umfassenden Kenntnissen der homöopathischen Grundsätze und der Arzneimittellehre sozusagen zu einer »Gestalt« — der Grundlage für die Wahl des Mittels.

Voraussetzung hierfür sind geistiger Einsatz, intensives Studium und die Fähigkeit, den Patienten in seinem Innersten zu begreifen. Nur wenige Menschen werden genügend Motivation und Geduld aufbringen, die Homöopathie mit dieser Ernsthaftigkeit auszuüben. Die meisten Praktiker werden wahrscheinlich stets dazu neigen, sich die Dinge zu vereinfachen: durch schematische Verwendung von Leitsymptomen, durch Computer-methoden, die Zeit und Energie bei der Suche nach dem passenden Mittel einsparen, usw. Derartige Versuche, auf Abkürzungen zum Ziel zu gelangen, haben auf lange Sicht immer enttäuschende Ergebnisse gezeitigt. Dem Image der Homöopathie können sie nur schaden. Zu Beginn seiner Laufbahn muß ein Homöopath die Entscheidung treffen, ob er sich den hohen Anforderungen der klassischen Homöopathie stellen will. Wer sich die Sache leicht zu machen sucht, wird zwar auch zunächst gewisse Erfolge verzeichnen; auf die Dauer wird er aber mehr und mehr enttäuscht sein, weil er seine Fälle verwirrt, indem er Mittel verordnet, die nur einen Teilaspekt der Symptomatik decken, oder indem er sie zum falschen Zeitpunkt verabreicht. Wer sich jedoch entschließt, nach strengen Maßstäben zu arbeiten, wird entdecken: Seine Erfolgsquote nimmt ständig zu, und er weiß jedesmal genau, was bei einem Fall vor sich geht. Eine Tätigkeit, nach diesen Prinzipien ausgerichtet, kommt nicht nur dem Patienten zugute, sondern erfüllt auch den Homöopathen mit innerer Befriedigung.

Nun mag sich mancher angehende Homöopath fragen: »Verdiene ich überhaupt genug, um leben zu können, wenn ich nach diesen Maßstäben arbeite? Wie kann ich, wenn ich so viel Zeit für jeden einzelnen Patienten aufwende, genügend Patienten betreuen, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten?«

Es stimmt, jeder Fall erfordert viel Zeit, und die Kosten sind für den Patienten in der Tat oft höher, als wenn er zum Allopathen geht. Man bedenke jedoch: Die Resultate der Homöopathie sind häufig weit besser als die der Allopathie. Das erkennen auch die Patienten, es spricht sich herum, und sie sind bereit, entsprechend dafür zu zahlen. Und auf lange Sicht gibt der einzelne Patient beim Homöopathen viel weniger Geld für seine Gesundheit aus als beim Allopathen: Mit zunehmender Gesundung braucht er immer seltener zur Behandlung zu kommen, die Medikamente sind viel billiger, und was Laboruntersuchungen und Krankenhausaufenthalte betrifft, so werden diese auf ein Minimum reduziert. Ein klassischer Homöopath, der sein Fach beherrscht und sich auf den Erfolg seiner Mittel verlassen kann, wird mit Sicherheit eine volle Praxis haben und ein Einkommen, von dem sich gut leben läßt.

Die prognostische Beurteilung des Falles

Bei der ersten Befragung besteht eine der wichtigsten Aufgaben darin, die Schwere des Falles zu beurteilen. Im Verlauf eines Tages sieht sich der Homöopath den unterschiedlichsten Patienten gegenüber. Es kommt vor, daß zwei von ihnen mit ganz ähnlichen Symptomen kommen, z. B. mit steifen Knien. Nach Aufnahme des Falles stellt sich heraus: Der eine Patient ist bis auf diese Beschwerde gesundheitlich ziemlich unbelastet. Sein Leben ist erfüllt und kreativ und verläuft, abgesehen von dieser gelegentlichen Steifheit der Knie, relativ problemlos. Seine Vorgeschichte weist keine Besonderheiten auf; Eltern und Großeltern waren bis ins hohe Alter gesund und starben dann rasch ohne längere Krankheit. Man braucht nicht lange zu überlegen, um sagen zu können: Dieser Patient hat eine stabile Gesundheit, und seine Knie werden rasch und problemlos heilen.

Der andere Patient kommt mit genau der gleichen Beschwerde, bietet aber bei der Befragung ein völlig anderes Bild: Er leidet unter mancherlei Ängsten, mit denen er notgedrungen zu leben gelernt hat, sein Selbstwert-gefühl ist gering, er leidet zeitweise unter Depressionen und hat sich im Laufe der letzten 20 Jahre immer mehr in sich selbst zurückgezogen. Man merkt, daß es ihm schwerfällt, über Dinge zu sprechen, die ihn bewegen. Zwar sagt er, seine Vitalität reiche für die Erfordernisse des täglichen Lebens aus; doch bei weiterem Nachforschen stellt sich heraus, daß er seine Aktivitäten bewußt einschränkt, um sich nicht zu überlasten, und sich jeden Mittag hinlegen muß. Als Kind war er — so zeigt seine Vorgeschichte — sehr empfindsam, und später hat er eine Reihe schwerer Enttäuschungen erlebt. Im Laufe der Jahre wurde alles für ihn zur Belastung: neue Menschen kennenzulernen, sich um eine Arbeit zu bewerben, den Entschluß zum Umziehen zu fassen. Alles ist ihm jetzt zuviel, und er braucht Tage, um sich von einem Erlebnis dieser Art zu erholen. Die Familiengeschichte zeigt mehrere Fälle von Krebs und Diabetes, und der Patient hat Verwandte, die in eine Nervenheilanstalt eingeliefert werden mußten. Rasch wird in solch einem Fall klar: Die Prognose ist ungünstig. Gründliche Laboruntersuchungen ergeben vielleicht nur »chronische Arthritis«. Der Homöopath weiß jedoch, daß bei solch einem Patienten in absehbarer Zeit mit einer ernsten Krankheit zu rechnen ist. Selbst eine sorgfältige homöopathische Behandlung wird nicht ohne allerlei Schwierigkeiten abgehen. Ein Mittel, das nur teilweise angezeigt ist oder zur falschen Zeit gegeben wird, kann diesen Fall so durcheinanderbringen, daß weitere passende Mittel kaum mehr zu finden sind.

Jeder Patient erwartet aber vom Homöopathen nicht nur ein Heilmittel, sondern auch Auskunft darüber, wie es um ihn steht — ob sein Leiden heilbar ist und wenn ja, wie lange es in etwa dauert, bis er gesund wird. Macht man ihm falsche Hoffnungen, so daß er mit einer bedeutenden Besserung innerhalb weniger Monate rechnet, sind die Schwierigkeiten, die er auch in späteren Stadien des Heilprozesses erwarten muß, für ihn eine große Enttäuschung. Vielleicht läßt er sich dadurch so sehr entmutigen, daß er die Homöopathie ganz aufgibt.

Deshalb ist es bei der Bearbeitung eines Falles wichtig, zunächst zu beurteilen, wie ernst er ist. Bei unserem ersten Beispiel (siehe oben) kann man zuversichtlich davon ausgehen, daß das richtige Mittel die Symptome rasch und dauerhaft heilt. Beim zweiten Beispiel hingegen muß man die Prognose sehr viel vorsichtiger stellen. Man darf beim Patienten nicht den falschen Eindruck erwecken, als könne er leicht oder rasch gesund werden. Er muß wissen, daß Schwierigkeiten zu erwarten sind, daß er Geduld haben muß und daß es notwendig ist, sich von den Gesetzmäßigkeiten des Heilprozesses leiten zu lassen. Bei einem derartigen Fall werden im Laufe der Gesundung wahrscheinlich viele Probleme auftreten, und selbst das endgültige Resultat ist vielleicht weniger zufriedenstellend, als man es beim ersten Fallbeispiel erwarten kann.

Wie kommt man aber nun zu einem zuverlässigen prognostischen Urteil?

Im wesentlichen sind es vier Faktoren, die eine ungünstige Prognose ergeben:

1. Beträchtliche Einschränkung der Lebenslust und Schaffensfreude. Sind Lebensfreude und Tatendrang eines Patienten dauerhaft getrübt und erschlafft, muß man trotz unbedeutender Beschwerden damit rechnen, daß er eine starke Veranlagung zu chronischen Leiden besitzt. Kreative, sozial aufgeschlossene Menschen erlauben im allgemeinen eine günstige Prognose. Wer jedoch seinen Horizont bewußt verengt, allem Streß aus dem Wege geht oder nähere Kontakte mit anderen Menschen vermeidet, dessen Aussichten sind prognostisch eher ungünstig.

Oft kann der Homöopath bestimmte Tendenzen dieser Art schon zu Beginn des Interviews feststellen: Die Offenheit mit der sich ein Patient ausdrückt; seine Bereitwilligkeit, über Dinge zu sprechen, die ihn innerlich stark bewegen; seine Haltung; seine Fähigkeit, Kontakt zum Arzt herzustellen — all dies sind Fingerzeige. Außerdem liefern einfache äußere Beobachtungen wertvolle Hinweise: Hautfarbe, Beschaffenheit von Haut und Muskeln, Klarheit der Augen, Aussehen der Zunge, Glanz des Haares usw.

2. Der Schwerpunkt der Symptome. Befindet sich das Schwergewicht der Symptomatik auf der geistigen oder emotionalen Ebene, ist die Prognose relativ ungünstig. Patienten dieser Art werden meist nur langsam und schwer gesund. Dagegen kann man bei Menschen, die auf der geistig-seeli schen Ebene nur wenig eingeschränkt sind, eine rasche und leichte Heilung erwarten. Je tiefer der Schwerpunkt sitzt, desto schlechter ist die Prognose.

3. Überempfindlichkeit gegenüber Umweltreizen. Menschen, die auf je de kleine Veränderung in ihrer Umgebung empfindlich reagieren; die sich von Leid und Unrecht unverhältnismäßig bedrücken lassen; die kein spötti sches Wort und keine Zurückweisung ertragen können; die jeder Auseinan dersetzung aus dem Wege gehen; die ständig aufpassen müssen, was sie es sen; die sich sehr leicht erkälten usw. — solche Menschen müssen häufig ei ne ungünstige Prognose hinnehmen. Ihr Organismus ist unfähig, das Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, und der Abwehrmechanismus muß ständig versuchen, einen Ausgleich zu schaffen.

4. Die Vorgeschichte und Familiengeschichte. Patienten, die schwere, tiefsitzende Krankheiten oder eine Reihe von Unterdrückungstherapien durchgemacht haben, werden ebenfalls im Verlauf der Heilung häufiger auf Schwierigkeiten stoßen; dasselbe gilt für Patienten, die aus Familien mit stark miasmatischer Vorbelastung stammen, z. B. mit Verwandten, die durch schwere organische Veränderungen früh gestorben sind, an langwie rigen chronischen Krankheiten leiden, geistesgestört sind o. dergl.

Entdeckt man bei einem Patienten einen der obigen vier Faktoren, so sollte man sogleich Verdacht auf ernste Gefährdung schöpfen. Selbst wenn es nur ein einziger Faktor ist, sollte man mit Schwierigkeiten rechnen und sorgfältig weiterforschen, um festzustellen, wie tief die Krankheit sitzt. Gelegentlich kann zwar einer der Faktoren vorhanden sein, ohne die Prognose ungünstig zu beeinflussen; normalerweise jedoch stößt man, wenn ein Faktor vorhanden ist, auch auf weitere. Treffen gar alle vier Aspekte auf einen Patienten zu, sollte man außerordentlich auf der Hut sein, ganz gleich, wie geringfügig die derzeitige Beschwerde aussehen mag. In derartigen Fällen kann eine unbedeutende Störung leicht »die Spitze des Eisberges« darstellen. Viel Zeit und Mühe sind nötig, die Gesundheit eines solchen Patienten einigermaßen wiederherzustellen.

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